Geschichten aus der Provinz (2009)

Möchten Sie einmal Juror werden? Entscheiden, Kompetenz einbringen und damit etwas auf den Weg bringen? Dann meiden Sie Erfurt. In der thüringischen Landeshauptstadt ist es gefährlich dieser Berufung zu folgen. Egal ob Kunst- oder Bauwerk nach der Entscheidung erhebt sich das Heer der Zwerge und wirft lange Schatten.

 Jüngst erst wieder geschehen bei der Entscheidung um ein neues Stadtlogo.

Sei eh und je gehört das Mainzer Rad ins Stadtwappen, weil man irgendwann einmal zum Bistum Mainz gehörte.

1994 hatte der damalige Machthaber in der Stadt eine Fieberkurve hinzugefügt, die den Stolz der Stadt, das Ensemble von Dom und Severi darstellen sollte. Man fragt niemanden ob’s gefällt. Vielleicht hatte der Stadtchef einen in der Familie der gut malen konnte? Wir wissen es nicht und keiner fragte laut nach. Man ließ machen. Zaghafter Bürgerprotest wurde geflissentlich überhört.

Nun zierten all die Jahre dieses Logo die Briefköpfe der Stadtverwaltung und verschiedener offizieller Dokumente und Hinweistafeln.

 Mir ist in dieser Zeit nicht zu Ohren gekommen, dass ein Bürger beim Erhalt eines Abgabenbescheides ausrief: Scheiße, schon wieder um 50% gestiegen, aber das Logo Klasse!

Was wäre herausgekommen, wenn der Einwohner vor Juli 2009 aufgefordert hätte die Augen zu schließen und das bis zum heutigen Tage gültige offizielle Bild zu beschreiben?

Nun  haben sich die Bürger dieser Stadt vor zwei Jahren einen neuen Oberbürgermeister gewählt und nach Meinung der abgewählten Damen und Herren auch noch einen aus der falschen Partei.

Der alte regierte wie ein Feudalherr über seine Untertanen und versüßte sich seinen Abgang mit einer Anstellung als Geschäftsführer einer städtischen GmbH. Ein Geschäftsbereich für ihn war dann auch schnell gebastelt.

Das nahmen ihm „seine“ Erfurter, diesmal gar nicht untertänig, wohl ein wenig übel wählten sich den Nachfolger nicht aus der Kaste des bisherigen Herrschers.

Heute kann man schon wieder sagen, dass sich alles relativiert im Laufe der Zeit. Das Amt ist weg, jedoch der Einfluss bleibt. Man kennt sich eben und weiß welches Rädchen man drehen muss um etwas in Bewegung zu setzen.

Nun muss man an dieser Stelle einflechten, dass Erfurt  tatsächlich eine wunderschöne mittelalterliche Stadt ist. Manch einem Besucher entfleucht schon mal ein spontaner, begeisterter Ausruf, wenn er von der Marktstraße kommend den Domberg mit seinen zwei katholischen Kirchen erblickt.

Das Fehlen der Fieberkurve und ein wenig zu futuristisch gestyltes Erfurter Rad erregten den Unmut der gestrengen Konservativen. Buchstabenabstände wurden vermessen, Farben in Frage gestellt und Ähnlichkeiten zu braunen Abzeichen gefunden. Es war ein Hauen und Stechen, dass es eine Freude ward. Man musste schon mutmaßen die Stadtverwaltung wollte das architektonische Kleinod nicht nur aus dem Stadtlogo verbannen, wo es bis 1994 ohnehin nicht zu finden war, sondern es auch gleich mit abreißen lassen.

Das Sommerloch war gut gefüllt.

Tagtäglich wurden die Proteste in Druckerschwärze auf  Zeitungspapier gedruckt und in Onlineforen hinausgeschrien, Kompetenzen angezweifelt und hinterhältig persönlich angegriffen.

Bis endlich der geschmähte OB und seine Marketingchefin das geschändete Logo nachbessern ließen. Nun fehlt die Fieberkurve immer noch, das Rad sieht aber endlich wieder aus wie ein man sich ein Rad vorstellen wollte.

Jetzt ist Ruhe. Jeder hat ein bisschen Recht bekommen. Das Rad durfte nicht neu erfunden werden.

Dom und Severi stehen immer noch, liebe potentielle Touristen, und laden ein besucht und bestaunt zu werden. Fall sie einmal irgendwo in der Welt auf das Erfurter Stadtwappen treffen sollten  und sich sagen: So ein schönes Rad, wie schön ist dann erst die Stadt?

Es lohnt sich wirklich. Vor ein paar Jahren hat man die lustige Idee ein kleines Kondombriefchen herauszugeben mit dem Foto des Doms. Das war aber auch falsch. Verstehe einer die Menschen.

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