Die optische Deponie

Vorbei! Sie ist schon lange nicht mehr wahr, die Behauptung aus meinen Kindertagen. Nicht selten hörte man seltsame, unglaubliche Geschichten, als deren einziger Wahrhaftigkeitsbeweis die Tatasache herhalten mußte, "dass man das sogar im Fernsehen gesagt hätte!". Das genügte. Journalisten im Fernsehen hatten immer recht! Schließlich hatte man es mit eigenen Augen gesehen und eigenen Ohren gehört!
"Wer nichts wird, wird Wirt" hieß es in meiner längst vergangenen, schönen Jugendzeit. Wir mußten nicht nur mit einer Hand voll Fernsehsendern auskommen. Wir kannten auch noch den Sendeschluss und das Testbild. Etwas was man der heutigen Jugend schwer verständlich machen kann. Obwohl Testbild und Sendeschluß gehaltvoller wären als manches Programmangebot.
Der o.g. Spruch wäre in unserer Zeit wie folgt zu ergänzen: Wer es nicht mal in der Kneipe schafft, der kann immer noch zum Fernsehen gehen. Die mit Schulabschluß und Berufsausbildung oder abgeschlossenen Studium als Kabelhilfe. Der Rest gehört natürlich vor die Kamera und ans Mikrofon
Wenn man im Prinzip nichts drauf hat, als trinkfest und arbeitssscheu gilt, kann man immer noch die vermeintliche Karierre machen. So behaupten es böse Zungen hartnäckig.
Manchmal scheint es, dass sie recht haben mögen. Das Kabelnetz ist voll. Wer eine Schüssel auf dem Dach hat, hat noch mehr Chancen tausende von Sendern zu empfangen, die er nicht sehen will oder vielleicht auch nicht sollte. Denn: "Der Tag hat 24 Stunden und nachts ist es dunkel." Noch so ein Spruch von früher. Aber mal ehrlich, neben den Menschen, die das alles anschauen sollen, muss es auch welche geben, die diesen Kram senden?!
Da die Menschen wegen des vielen Fernsehkonsums nicht mehr dazu kommen Nachwuchs zu produzieren und klonen immer noch verboten ist, müssen sich die vielen, vielen Sender das Quotenvieh zu teilen. Was ziemlich profan vonstatten geht.
Einer hat eine Idee und die anderen machen sie nach. Wer oder was zuerst zuschlägt ist in aller Regel egal. Es geht alles im medialen Einheitsbrei unter. Einzig die öffentlich- restlichen Anstalten reagieren mit etwas Verzögerung. Schließlich müssen hier zuerst die Gremien der vom Volk finanzierten Bedenkenträger die Weichen stellen. Oft stehen dahinter erstaunlicherweise die gleichen Typen denen die Liberalisierung der Privaten nicht weit genug zu gehen scheint.
Der Volksmund definiert den Unterschied zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten wie folgt: "Der Pessimist meint es kann nicht noch schlimmer kommen. Der Optimist sagt dazu: Doch!" So kann es einem bei der Betrachtung des derzeitigen Fernsehprogramms gehen. Was hatten wir, rückblickend, doch für ein hohes Niveau zu Zeiten von Hans Meiser und Ilona Christen.
Nachdem die Mehrheit der Assis in allen Talkshows herumgreicht worden waren, die Spanner und Exibitionisten ihre Lust ausgelebt hatten, studieren wir auf allen Kanälen
Jura. Hand aufs Herz! Wer von den Gagschreibern hätte vor einigen Jahren geahnt, dass die Information des Studiogastes der Harald Schmidt-Show, ein Elternteil sei von Beruf Richter, mit der Antwort: "Bei welchem Sender?" gekontert werden kann und einen Saal zum toben bringt?
Nach und nach wird jeder ehemalige Talkshowgast bei Herrn Hold und Frau Salesch zu recht verurteilt, während andere Anwälte und Polizeibeamte nach weiteren Flüchtigen suchen. Die halten sich vermutlich in den diversen Quizshows auf. Das ist so eine Art moderner Ablasshandel bei dem jeder seinen ehemaligen Lehrern zeigen kann, dass man damals zu unrecht einige Ehrenrunden gedreht hat. Manchmal fühlt man sich an den alten Kalauer erinnert:

"Vati die Lehrer wollen, dass unser Junge auf die Hilfsschule geht. Na und, wenn er das Zeug dazu hat!"
Zugegeben Dr. Stefan Frank, Dominoday, Akte oder die Schwarzwaldklinik sind schon für manchen Zeitgenossen regelrechte Gehirnakrobatik. Wie ist es sonst zu erklären, dass es immer wieder Menschen gibt, die den alten Runzelsack Wussow in der Fußgängerzone auffordern ihnen sofort das Resthirn zu entfernen.
Doch diese müssen deshalb nicht entnervt die Fernbedienung aus dem Fenster werfen. Einfach RTL 2 und 9live auf die beiden Tasten der Fernbedienung programmieren lassen und einfach glücklich sein! Uns schon kann man sich ganz entspannt mit einem umweltfreundlichen Tetrapack Rotwein zurücklehnen und zuschauen, wie das Ordnungsamt das eigene Auto abschleppt oder die Polizeistreife an der eigenen Wohnungstür klingelt, fremde Frauen in fremden Haushalten herumwirtschaften. Vielleicht rufen Sie auch mal an und lassen sich den Keller von anonymen Putzhilfen aufräumen. Hauptsache billig produziert und die Quote stimmt.
Tausenden von Menschen genügt es aber nicht sich bei Banalitäten ablichten zu lassen. Früher ging man in den Container und tat anschließend das was man nicht konnte und wohl auch lernen werden würde. Man sang und trat als Schauspielerimitat auf. Zumindest solange die Produzenten noch irgend einen Geldbetrag mit dem Verheizen dieser jungen Menschen erwirtschaften konnten. Aus Sparsamkeitsgründen wurde das zusammengelegt und heraus kam "DSDS-Starsearch-Popstar-Duell- Superstimmen- Tralala". Menschen, die bislang zu, recht völlig, unbemerkt gelebt haben oder mit gutem Grund gut verschlossen lebten, strömen in Scharen in Stadthallen, um sich lächerlich zu machen und von Pseudopromis beschimpfen und beleidigen zu lassen. Zwei Hand voll bleiben dann übrig, die mit ihren Verwandten für ein paar Wochen ein Fernsehstudio gesperrt werden. Irgendwann gibt es einen der übrig bleibt und als Sieger bezeichnet wird und der muß durch die Fernsehsender tingeln bis nicht einmal mehr 9live ihn haben will.
Was bei dieser erfolgreichen Umsetzung des Bildungskonzeptes heraus kommen kann, konnten neulich die Teilnehmer einer Exkursion zum Bundestag nach Berlin erleben.
Zunächst informierte uns der einladende Abgeordnete (der Name ist dem Autor bekannt), dass man sich angesichts der leeren Sitze im Plenum nichts böses denken möge. Schließlich würden die Entscheidungen nicht nach dem Austausch sachlicher Argumente getroffen, sondern die Ergebnisse stünden schon vorher fest. Fast wie im Fernsehen?!
Kurz vor der Rückfahrt fragten einige der 15 -
20jährigen Jugendlichen was dem am 17.Juni so wichtiges passiert sei, dass man eine Strasse danach benennen mußte.
Für den Höhepunkt der Wissensvermittlung muß vorausgeschickt werden, dass die jungen Mitreisenden aus der thüringischen Landeshaupstadt Erfurt stammen und es eine ewige Feindschaft zwischen den Bewohnern Erfurts und Jenas gibt. Zumindest nach dem Willen der Fans der Fußballvereine Rot-Weiß und Carl-Zeiss. Dabei ist es unerheblich, dass die Qualität des Fußballs inzwischen in beiden Städten nicht einmal mehr zweitklassig ist.
Die Rückfahrt von Berlin führte auch an der Autobahnabfahrt der kleinen sachsen- anhaltinischen Stadt Zeitz vorbei. Beim passieren einer Hinweistafel auf diese Abfahrt erschallte eine männliche Stimme: "Ich hasse Carl Zeitz."
Das wurde kommentarlos hingenommen.
Lassen Sie es am besten ganz langsam auf sich wirken.

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