Fragwürdig

Im Prinzip konnte ich es mir denken. Nicht immer sind die zu fürchten die Fragen stellen, sondern die, die meinen diese beantworten zu müssen. Mit Fragen über Fragen glauben manche unserer Zeitgenossen sie könnten den Eindruck erwecken unsere Meinung wäre eventuell erwünscht und es würde sich irgendwer auch nur einen Dreck darum scheren. Bestimmt kennen sie so etwas auch. Neulich in der Frageabteilung der "Thüringer Allgemeine" wollte so ein Schlaubi wissen, ob der geneigte Leser den derzeitigen Ministerpräsidenten von Thüringen kennen würde. Mal abgesehen wie man das Wort "kennen" definieren sollte, was war das für eine Frage? Ist der Bekanntenkreis nicht etwas was man sich aussuchen können sollte? Es sei an dieser Stelle angenommen der Fragesteller der geneigten Hofpresse wollte wissen, ob man schon mal davon gehört hat, dass der Herr Althaus jetzt der Regierungschef des kleinen Landes zwischen Sachsen, Sachsen- Anhalt, Hessen und Bayern sei.
Die 100 Tage Schonfrist für die Bewertung seiner Tätigkeit seit der Amtseinführung waren abgelaufen und es kommt die knallharte Frage: Kennen Sie diesen Mann? Nicht etwa: Sind Sie mit der Politik dieses Mannes einverstanden? Macht er seine Sache gut? Vertrauen Sie ihm? Trauen Sie ihm zu das Land gut zu regieren? Nein! Man wollte einfach nur wissen, ob man den Mann kennen würde. So als ob man vom Verkäufer im Baumarkt gefragt wird: Kennen Sie eigentlich schon unsere Wochenangebote? Lag im unverbindlichen Charakter dieser Formulierung etwa des ganze Sarkasmus eines enttäuschten journalistischen Lebens? Hatte man etwa Angst vor den Antworten? Vielleicht ist der Fragenerfinder ein verdeckter SPD Mensch, der Angst vor bayerischen Antworten hat?
Dem interessierten Bürger ist er natürlich seit einiger Zeit irgendwie bekannt, der Herr Althaus. Von damals: Schließlich war er; neben anderen, als Kultusminister maßgeblich für den verpfuschten Aufbau des Bildungssystems in Thüringen verantwortlich. Später lies er sich unter der Obhut von Bernhard Vogel auf dessen Nachfolge vorbereiten. Von der breiten Öffentlichkeit fast unbemerkt nahm der ehrgeizige Eichsfelder das Amt des Fraktionsvorsitzenden wahr. Fast, wenn die bösen Kommunisten ihn nicht immer mit seiner nicht erhaltenen FDJ Auszeichnung geärgert hätten. Doch nun ist es vorbei mit der Zeit im Hintergrund. Hurtig trat er nach vorn und machte von sich reden. Nicht etwa mit einer jungen unverbrauchten Politik, sondern mit allen Mitteln, die die Bevölkerung Thüringens in die Lage versetzen sollte die Frage: Kennen Sie diesen Mann? Mit JA zu beantworten! Ab sofort hieß es: Nicht ohne meine Presse! Kein Toilettehäuschen war zu klein, um nicht von ihm eröffnet zu werden, keine Hand zu schmutzig, um nicht doch geschüttelt zu werden. Sogar in überregionalen Talk- Shows war er zu sehen, zwischen richtigen Politikern, wie sein Vorgänger im Amt es auch immer tat. Letzterer war irgendwann dem Glauben verfallen den großen weisen Alten der CDU geben zu müssen. Der Neue, eben dieser Dieter "Kennen Sie diesen Mann?" Althaus trat diese Nachfolge an, um seine Mission zu Ende zu bringen. Nur welche ist es? Sollten wir dereinst fragen müssen, ob die politische Mission des Ex- Lehrers die gewesen sei Bernhard Vogel für das Amt des Bundespräsidenten vorzuschlagen?
Es scheint zu einer unsäglichen Angewohnheit geworden zu sein, uns zu nötigen nach Antworten auf Fragen zu suchen, die sich uns gar nicht stellen. Besser gar nicht stellen sollten. Eine Frau die im Ruf steht ein cleveres, geistiges, mit Schauma geplegtes, Blubb zu sein, schickte sich an zum ersten Mal in ihrem Leben etwas zu tun, beim dem etwas Greifbares und nicht Peinliches heraus kam. Sie gebar ein Baby! Kaum dass die "BILD" dieses bezeugen konnte, schon war klar: Hier geschah etwas Ungeheuerliches, Wunderbares. Nach Jahrmillionen der Zellteilung, entwickelte sich hier ein Nachkomme, ein Menschenkind, nicht durch Klonen, sondern durch etwas noch nie Dagewesenes. Dutzende von Pressekonferenzen und täglichen ärztlichen Bulletins waren es der schreibenden Zunft wert, uns teilhaben zu lassen. Die Begriffe der Schwangerschaft und Geburt wurden erfunden. Ein Feldbusch ward geboren! Und wir waren dabei. Irgendwie jedenfalls.
Der Typ im Radio drängt mir sein Wochenthema auf: Sind Kleingärtner kleinkariert?, Mützenträger engstirnig? Popstars breitbeinig?, Wie schmecken Arbeitsplätzchen? Anrufen soll man und Meinung kundtun. Das erscheint genauso spannend wie die Fragen der Wochen davor. "Schmecken Kuhfladen besser als Humbuger? Und das waren nur öffentlich- rechtliche Fragen. Was die privaten Fröhlichradios so wissen wollen, da schweigt des Autors Höflichkeit. Das die motivierten Anrufer mit den angepriesenen Rufnummern oft 0180 oder 013xx kräftig zur Kasse gebeten werden versteht sich von selbst. Unsere Meinung, zu was auch immer, sollte uns nicht nur lieb sein, sondern auch teuer zu stehen kommen.
Wenn ein grenzdebiler Musikschlumpf seine Kaspercombo auflöst und das Clownskostüm in die Reinigung bringen läßt, eine Omi nur noch Schlagzeilen bekommen kann, wenn sie sich für Ballaballa- Magazin auszieht, wenn eine ehemalige Containerpüppi ihre Dumpfbackigkeit nur noch bei Neunlive ausleben darf oder ein qualifizierter Grundschulabsolvent mit Fußballdiplom seine Vergangenheit auszukotzen meint, dann ist das in seiner Belanglosigkeit nur noch durch die Biographie eines Möchtegern-Superstar- Quakkübelfrosch zu überbieten, der die Tatsache seines noch nicht gelebten Dasein in mehreren hundert Seiten zum Ausdruck bringen lassen möchte. Hilfe braucht der mit Sicherheit, denn bis der Jungstar Lesen und Schreiben gelernt hat, ist er schon wieder in berechtigte Vergessenheit geraten.
Und das alles gibt den fröhlichen Mitmenschen von den bunten Seiten und den fröhlichen Radio- und Fernsehsendern Gelegenheit wieder viele, viele Fragen zu stellen. Fürchten wir uns schon jetzt vor den Antworten der Berufenen.

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