Irrtümer

Es ist Sonntagabend. Es war ein schönes Wochenende bei Freunden. Vielleicht habe ich gestern ein wenig zu tief ins Glas geschaut. Es ist auf alle Fälle recht spät geworden und ich freue mich auf Zuhaus. Doch es verzögert sich, denn ich fahre seit unzähligen Kilometern hinter einem 2er Golf her, der die 50 km/h, bei Gegenverkehr, nur wenig überschreitet. Bei völlig freier Strecke jedoch jeden Überholversuch erfolgreich, durch rigoroses Gasgeben, vereitelt. Schemenhaft glaube ich über den Kopfstützen so etwas ähnliches wie einen Hut zu entdecken. Rechts und links schauen zwei Prachtexemplare von Segelohren hervor, die für mich keinen anderen Schluß zuließen, als den, daß vor mir einer legendären Opas mit Hut fuhr. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch, von einer wischmopähnlichen Frisur, die über die Kopfstützen des Beifahrersitzes blitzte. Aha, Oma ist auch noch dabei. Aber eine Schumachermütze neben der umhäkelten Klopapierrolle. Im lauten und leisen Sinne bediente ich, mit Flüchen und Schimpfkanonaden, alle Klischees, die automobilisierte Senioren zum Gegenstand hatten. Der Rückstau belief sich, dank unseres Führungsfahrzeuges, inzwischen auf 10 Kilometer. Das konnte ich zumindest den Verkehrsmeldungen entnehmen.

Während sich an der ersten Kreuzung nach dem Ortseingangsschild die Situation für die Fahrzeuge hinter mir etwas entspannte, blieb ich am 2er Golf und dem Opa mit Hut dran. Bis vor mein Wohnhaus wurde ich von ihm eskortiert ohne, zu irgend einem Zeitpunkt, eine Chance zu haben ihn zu überholen.

Als das Fahrzeug anhielt, mußte ich erkennen, daß ich einem Vorurteil aufgegessen war. Vor mir entstieg, Sven- Kevin, der Sohn meines Nachbarn, seinem Gefährt. Dessen neues Gewindefahrwerk ließ noch einen Abstand von Bierdeckelhöhe zum Straßenbelag zu, weshalb er keine Rücksicht auf den fließenden Verkehr nehmen konnte. Die Oma neben ihm entpuppte sich, im wahrsten Sinnes des Wortes, als ein aufblasbares Mädchen aus dem Hause Beate Uhse. Sven- Kevin erhielt es als Jahrgangsbester für seinen Schulabschluß. Den Aufkleber "Hauptschulabschluß 2001" hatte er aus Zeitgründen noch nicht in der Heckscheibe seines 2er Golfes anbringen können, da, nachdem ihm Oma Hilde, vor lauter Freude, diesen Wagen geschenkt hatte, die Montage des Fahrwerkes Vorrang haben mußte. Das es Sven- Kevin, nach 5 Anläufen, überhaupt geschafft hatte verdankte er einem Gewinnspiel eines Radiomoderators, der einen Tag für die Sieger, die Schule besuchen wollte. Er hatte Glück und gewann auch noch das "Nadja abdel Farrag- Ehrendieter-Siegelstipendium", das jährlich vom Kultursender 9live ausgelobt wird. So steht jetzt seiner Ausbildung zum qualifizierten Irgendwas nichts mehr im Wege.

Wie bringt man die Zeit zwischen Schulabschluß und Renteneintritt am besten hinter sich? Man wird Politiker oder geht ins Showgeschäft! Letzteres scheint noch am Einfachsten zu sein. In irgendeiner Form findet man schon Zugang ins Unbegabtenförderprogramm von RTL II und Endemol oder Viva.

Da Sven- Kevin weder singen und tanzen kann, liegt nichts näher als eine Karriere als Popstar. Die Unfähigkeit ein Instrument zu spielen war ein weiteres Pfund, das er in die Waagschale werfen konnte.

Egal ob wir Sven- Kevin zum Schluß in der Kotkisten schwingenden Jungen- Combo finden, er wird dennoch berühmt werden. Denkt er, denn RTL II filmt dieses sogenannte Casting und strahlt es aus. Billiger geht's nimmer. Die würden auch den Stuhlgang ihres Intendanten filmen. Der Film zur Wurst sozusagen. Unser Freund kann indes auf unzählige Statistenrollen in Talk- oder Gerichtsshows hoffen.

Gehen wir jedoch davon aus, daß er mit drei anderen süßen Boys übrigbleibt und zur Krankengymnastik auf die Bühne darf. Vorbei ist die Zeit, in der der sich junge musikinteressierte Menschen zusammentun, eine Band gründen und den schweren Weg des tingelns gehen. Heute wird man nach Haarfarbe und Konfektionsgröße ausgesucht und mit anderen Flinspiepen auf die Bühne gestellt. Hauptsache der Anus kreist schön rhythmisch und die Haare liegen. Wenn der Werbeetat stimmt, dann wird es auch genügend picklige, dicke Mädchen geben, denen es egal ist ob Sven-Kevin, Patrick- Basti, David- André und Knut- Bärbel wirklich singen können. Hauptsache einer von ihnen ist süüüüüüüüüß!

So lange wird der Rubel rollen. Man wird zu Gottschalk eingeladen und darf auf der Couch auch mal neben richtigen Musikern sitzen. Die Jungs werden so oft zu Viva eingeladen, daß sie ernsthaft überlegen, ob sie sich im Sender eine Wohnung mieten sollten.

Wenn die zwei Jahre rum sind und keiner mehr etwas von den Knackwürsten hören will werden sie einfach weggeworfen. Entweder werden sie Promis und tingeln von einer Talkshow zur anderen oder sie werden Quizmoderator bei 9live.

Mädchenbands lassen sich viel leichter klonen. Arsch, Titten und bauchfreies Top und schon sind die, dem männlichen Menschen ins Stammhirn gemeiselten, Instinkte geweckt. Den Rest überlasse ich ihrer schmutzigen Phantasie.

 

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