Kiloware

Hand aufs Herz! Was kostet bei Ihnen ein Kilo Regionalzeitung? Bei uns 0,70 € am Wochenende gar 0,80 €. Nicht viel für ein Kilo, meinen Sie?

Es gibt eine Verpackungsmittelverordnung, die Mogelpackungen verhindern helfen soll. Leider fällt die Zeitungsbranche nicht in den Wirkungsbereich dieser Festlegungen. Sollte sie aber!

Wenn ich morgens den beschwerlichen Weg von meiner Dachkammer zu den Briefkästen auf mich nehme, die Blechdose öffne und diese geformte Paketsendung entnehme, dann kommen mir solche Gedanken.

Zuerst greife ich in die gefaltete Mitte und kann dem, was äußerlich durchaus an eine Zeitung erinnert, ca. 500 g Hochglanzpapier entreißen. Werbung !!! Was soll ich nicht wieder alles kaufen oder vertraglich beziehen! Inzwischen schaue ich nicht mehr drauf. Dankbar nehme ich den Karton zur Kenntnis, den unser umsichtiger Hausmeister unter die weißen Blechkästen zur Entsorgung berereit gestellt hat. Ich lasse den entdeckten Müll, auf die Plastiktüten gleiten, in denen die kostenlosen "Zeitungen", ungelesen, bereits ihre wohlverdiente Ruhestätte gefunden haben.

(Diese Exemplare wie "Hallo Ballo am Sonntag" oder dutzend andere landen schon lange nicht mehr im Briefkasten. Die hochmotivierten Zusteller hängen sie in kleinen Tütchen an die Klinken der Wohnhäuser mit innenliegnden Zustellbehältern. Der erste aus dem Haus, den sie stören, nimmt sie mit zum Karton des Hausmeisters oder zum Mülleimer. Komm drauf an was näher liegt.)

Normalerweise reicht das aus, um das Altpapier, bis auf die Zeitung natürlich, außerhalb der eigenen vier Wände zu lassen. Doch gewiefte Strategen haben ein Verfahren entwickelt auch noch zwischen die anderen Blätter Reklamezettel zu verfrachten. Der nächste Blick fliegt über die merklich leichter gewordene Zeitung, ob sich nicht eine redaktionell getarnte Beilage eines unserer Einkaufstempel darin befindet. Endlich habe ich es in der Hand das tägliche Faltblatt, genannt Tagespresse. Immer mit neuem Datum!

Auf den wenigen Seiten erfahre ich nun, zwischen weiterer Werbung, was gestern so alles passiert ist, und was ich eigentlich schon aus Rundfunk und Fernsehen weiß. Ich will es eben gedruckt in der Hand haben. Das ist irgendwie amtlicher.

Bei jeder neuen Preíserhöhung fragen wir uns, warum wir überhaupt dafür etwas zahlen müssen. Die Reklame müßte doch kostendeckend sein. Jedes Exemplar ist ein lieblos gestaltetes Exemplar Geschenkpapier für Werbezettelchen.

In den Redaktionen schufften unterbezahlte Redakteure, Volontäre und Praktikanten um die Hofnachrichten unters Volk zu bringen. Warum haben wir überhaupt noch so ein Abo?

Ich sage es Ihnen: Gewöhnung, alles Gewöhnung! Selbst in der schweren Zeit, vor '89 als wir nichts hatten, haben wir uns eine Zeitung geleistet. Auch wenn nichts von Bedeutung drin stand. So erfuhren wir doch immer, wie sich die Partei- und Staatsführung um uns sorgte, welche Jahreszeit gerade vorherrschte, daß alle Länder mit dem Anfangsbuchstaben U zu den besten Sportnationen zählen (USA, UdSSR und Unsere DDR), wer gerade unseren Erich besuchte oder wen er gerade besucht und welche Beschlüsse welcher Parteitage und Plenen der SED im Moment unser Leben besser gestalteten. Aussagen der Partei- und Staatsführer wurden als wissenschaftliche Belege dem lesewilligen Volke vorgelegt. Worauf es eigentlich ankam, waren die Todesanzeigen und der Veranstaltungskalender.

Imm Herbst '89 gewöhnte ich mir die Eigenart ab eine Zeitung mit der letzten Seite beginnend durchzulesen. Wir hatten vier Lokalzeitungen, die alle mal irgendwelchen Parteien, der nicht mehr existenten Nationalen Front, angehörten und nun eigenständig und überparteilich auf dem Titelblatt stehen hatten. Zeitungen fusionierten. Eine weitere einer westdeutschen Zeitungsgruppe siedelte sich an. Heute haben zwei überlebt und gehören dieser Zeitungsgruppe.

Einmal haben wir erfolgreich versucht uns von der kostspieligen Unart eines eigenen Zeitungsabos zu befreien. Anlass war die Berichterstattung über den Besuch des japanischen Kaisers im Nachbarstädtchen. Aufgemacht wie der Messerundgang von Erich in Leipzig. Das wollten wir nicht lesen. Das kam uns so bekannt vor.

Zwei, drei Jahre ging es gut und in einem schwachen Moment bestellten wir wieder unser lokales Hofblatt. Wir erfahren jetzt wie gut es die Fürsten des Landes und der Region mit uns meinen, welche Jahreszeit gerade herrscht, wie gut wir im Sport sind (Dank der Sportförderung in der ehemaligen DDR), wer gestorben ist und was im Kino kommt.

Wenn die Horoskope nicht wären, ich hätte das Käseblatt schon längst wieder abbestellt!

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