Verdammte dieser Erde

Ups! Es hat sich etwas geändert in diesem unserem Lande! Sprach man bisher in Presse, Funk und Fernsehen über die viel geschmähte und durchgehend unmenschliche "DDR" , dann kamen die liebe Frau Lengsfeld oder ein ähnliches Kaliber zu Wort und sie therapierten sich ein wenig selbst. Danke, dass wir teilhaben durften. Was wimmerten zu allen Jahrestagen der Besinnung Wolf Biermann und Co. aus der Glotze und dem Radio . Es war weder Lied noch Gedicht was unser Gehör belästigte. Es war mehr so etwas aus der Richtung: " Wenn keiner weiß was es bedeuten soll, dann sagen alle es sei anspruchsvoll." Bezeichnen wir es einfach nur als tiefe, tiefe Betroffenheit und Wut, die stellvertretend für uns sprachloses, unsagbar dussliges Volk hinaus geschrien wurde. Dafür dürften die vortragenden Künstler bestimmt noch nicht einmal Geld genommen haben. Mit der "Ex" auch noch Geld zu verdienen ist unmoralisch. Es lebe das politische Ehrenamt!
Noch im Frühjahr 1989 waren rund 2% der Bevölkerung zwischen Kap Arkona und Fichtelberg offensichtliche Regimegegner und 98% haben die Schnauze gehalten. Bereits im Herbst des gleichen Jahres konnten wir beobachten wie die 98% darum kämpften eigentlich zu den 2% gehört zu haben.
Nun scheint die Zeit gekommen zu sein, sich der unsäglich Verblichenen mit der Sicht auf ihren Unterhaltungswert zu nähern. Eigentlich ein unglaublicher Vorfall. Waren doch die Ostalgiker bis vor kurzem noch die "Ewig Gestrigen", die dem Unrechtsregime immer noch nachtrauerten und denen man noch nicht einmal mehr nachrufen konnte: "Dann geht doch rüber, wenn es euch hier nicht passt!".
Die politisch korrekte Trauer- und Betroffenheitszeit ist nun abgelaufen und mit der verklärten Erinnerung an die vermeintlich gute alte Zeit läßt sich so richtig Kohle machen. Der mediale Ossi-Zoo ist eröffnet.
Plötzlich erfahren wir von Menschen, die uns noch vor einiger Zeit mit Klagen bis nach Brüssel überzogen hätten, angesichts der möglichen Behauptung sie seien "Ossis", dass nun doch nicht alles schlecht war in der "DDR". Nicht nur der grüne Abbiegepfeil. Die damals schon ausgesprochen widerliche "Schlagersüsstafel" wird zu reinstem Manna hoch stilisiert. Oder zumindest zu einer wohlschmeckenden Schokolade deklariert. Menschen, die schon in der DDR Mazda, Golf oder Volvo fuhren, sprechen mit einer solchen Liebe von dem Trabbi, den sie nie hatten, dass wir uns fragen müssen warum die Wahrscheinlichkeit, eine dieser immer noch so begehrten "Edelkarossen" in Düsseldorf oder Hamburg zu sehen, größer ist als in Zwickau oder Leipzig.
Das Vergessen überfällt den Ossi wohlig und man sagt, dass er schon teilweise angekommen ist im gemeinsamen deutschen Vater- und Mutterland. Vorbei die Zeit des westlichen Rassismus gegenüber den so bedauernswerten Brüdern und Schwestern? Vorbei die Zeit in der man den Osten erst einmal zivilisieren wollte? Nach dem aufrechten Gang wollte man den ostelbischen Neandertalern vor allem Autofahren und Demokratie beibringen. Aus Autofahren wurde in kürzester Zeit Auto kaufen. Aus den Lektionen in Sachen Demokratie reifte nach anfänglicher Euphorie gaaaaaaaaaaanz laaaaaaaaangsam die Erkenntnis, dass Mehrheiten in Demokratien wie in Bananenrepubliken entstehen. Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dem Bürger alle paar Jahre bei Wahlen klar zu machen, er hätte wirklich eine Wahl.
Arbeiten wollte man den Ossis beibringen, Ihnen aber nicht geben. "Leben wie im Westen und arbeiten wie im Osten gäbe es nicht", hieß es allerorten. Gibt es doch, mußte ich erst in diesem Jahr feststellen. Machen sie mal Urlaub in Mecklenburg- Vorpommern! Doch das nur am Rande. Dritt- und viertklassige Beamte, Angestellte und Politiker wurden wegen Unfähigkeit in den Osten abgeschoben und ihnen der Abschied mit der sogenannten "Buschzulage"
mehr als versüßt. Einschlägige Gerichtsverfahren gegen allzu gierige Zeitgenossen läßt man gerade erfolgreich im Sand verlaufen.
Leistungsträger der DDR Sportschulen und Volkseigenen Vereine fingen an das gesamte Volk mit Siegen zu verwöhnen. Für die westdeutschen Brüder und Schwestern war das ein völlig neues Gefühl. Mit dem Wort "verwöhnen" assoziierten sie bisher nur Mamas Kaffeearoma oder Papas monatlichen Puffbesuch. Das war endlich mal anderes, als alle hundert Jahre mal Fußball- Weltmeister zu werden. Nun ist aber der Sumpf der Dopingmonster ausgetrocknet, die meisten stalinistischen Trainer abgewickelt und die sportliche Erfolgsquote wieder auf "Vor-Wende-Niveau".
Geldgeile Versicherungsagenturen und skrupellose Versandhäuser schickten ihre schmierigsten Vertreter als vermeintliche Heilsbringer los, dass neue Absatzgebiet zu erschließen und dabei doppelten Schaden anzurichten: Helfershelfer zu rekrutieren und den örtlichen Eingeborenen so schnell wie möglich alle Illusionen über Ehrlichkeit, Vertrauen und Mitmenschlichkeit zu nehmen. An diese Stelle trat der sogenannte Solizuschlag. Dessen regelkonformen Einsatz im Osten zu kontrollieren, sieht sich der gemeine Wessi, angesichts der versagenden Politik verpflichtet. Wer scheint da geeigneter als die Krawalljournaillen stellvertretend damit zu beauftragen?
Versandhäuser, Autohändler und Banken sind aufs äußerste entschlossen unseren Konsumwillen heraus zu kitzeln und anschließend, den so motivierten Mob, mit Mahnverfahren und Besuchen von Gerichtsvollziehern zu erfreuen. Ist es nicht schön zu wissen, dass der Jahresurlaub in Spanien oder der Dom Rep nicht mehr daran scheitert, dass eine deutsche Regierung die Grenzen geschlossen hält, sondern nur daran, dass man keine Kohle hat ihn zu bezahlen?
Soweit einige Realitäten der letzten Jahre. Da dem Anschein nach die Neugier der Bewohner der alten BRD, auf den wieder hinzugekommenen Teil im Osten, weniger ausgeprägt zu sein scheint, als umgekehrt, bediente man sich der bunten und schillernden Medienwelt, um dem staunenden Zuschauer seine Vorurteile zu vermitteln. Menschen, die eigentlich gut weggeschlossen gehören oder wenigstens von Amtswegen intensiv betreut werden sollten waren auf einmal im Fernsehen zu sehen. Der Ost- Westkonflikt wurde durch herumbrüllen und anderen Tätlichkeiten, nun ja, irgendwie thematisiert
. Klassisch auch immer wieder die Konfrontation der verschiedenen Idiome. Natürlich spricht der Ossi an sich breitestes Sächsisch und das wird ihm ausgerechnet von Landsleuten lautstark vorgehalten, deren Mundart nur sehr entfernt an die deutsche Sprache erinnert.
Nach einem kurzem Intermezzo in diversen Gerichtsverhandlungen, war es nun an der Zeit das Thema im Abendprogramm zu verfälschen.

Wer hat eigentlich den Reigen der Peinlichkeiten eröffnet? Glaubt man offizösen Verlautbarungen, dann soll alles mit dem Film "Good by Lenin". Vergessen wir das! Es ist vermutlich sogar egal. Pervers wird es nur, wenn man diese verklärte und verquirlte Scheiße auch noch als Bildungsauftrag verstanden wissen will, um den interessierten Wessi, den dressierten Ossi vor zu führen. Ironie des Schicksal ist es auch, dass ausgerechnet die Reinkarnation des seligen Deutschen Fernsehfunks, der MDR, an diesem Boom partizipieren möchte und sich selbst parodiert.
Sat 1 versuchte sein Glück mit Schulz und Meyer. Man sollte den beiden keinen Vorwurf machen. Besser konnten sie es eben nicht.

Die eigentliche Quote wird wohl wieder RTL erzielen. Nun kann man vor dem Fernsehgerät sitzen und staunend erleben, wie der gemeine Ossi gelebt haben soll. Und der kann sich endlich mal sein Leben kompetent erklären lassen. Vom unschwulen Fönling und Nachrichtenvorleser Riewa war zu erfahren, das alle in der DDR eine bestimmte Zeit lang Dauerwelle trugen. Wasser steigt den Pseudoprominenten in die Augen, wenn sie die Musik zu hören bekommen, bei der sie damals, wie die meisten, weggeschaltet haben. Was bleibt ist die ewig gültige Erkenntnis , das Wahrheit doch ziemlich subjektiv ist.
Vor kurzem mußte auf der Insel Rügen, in einem Saßnitzer Fischrestaurant ein Mann feststellen, dass man den Toilettenschlüssel immer noch am Tresen erbitten mußte, Seinen Kommmentar gab dieser ziemlich gut vernehmbar in das weite Rund des Lokals: "Blöde Ost- Nostalgie. Ich weiß gar nicht was die daran finden".

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